Introvertiert sein – ein Nachteil im Leben?

Introvertiert sein – ein Nachteil im Leben?

Erst letzte Woche war ich auf einem Vortrag zum Thema Fotografie zu Gast und wäre fast im Achteck gesprungen.
Der vortragende Fotograf warf ganz selbstverständlich in den Raum, dass introvertierte, schüchterne Menschen vielleicht nicht unbedingt Fotografen werden sollten. Es ginge in der Fotografie, wie bei so vielem anderen auch, um das Zwischenmenschliche.

Introvertierte können keine Beziehung aufbauen

Einfach so sprach er allen Introvertierten die Fähigkeit ab, auf zwischenmenschlicher Ebene eine Beziehung aufbauen zu können.
Zuerst musste ich daran denken, dass es mir wirklich schwerer als vielen anderen (eher extrovertierten) Menschen fällt, Gespräche anzufangen und am Laufen zu halten. Auch stimmt es, dass ich mich nicht sehr lange am Stück auf Gesellschaft konzentrieren kann, weil diese ständige Aufmerksamkeit den inneren Akku leert.
Hatte er also recht? Natürlich nicht! Introvertierte – darunter auch ich, wurde mir auf der Rückfahrt klar – haben allzu oft von sich selber das Bild, was viele Extrovertierte ihnen aufdrücken.
Wir wären schwierig, nicht sozialkompetent und dadurch schwächer, unfähiger oder einfach nur schlechter. Dabei wird die ganze Zeit vergessen, dass wir gegenüber Extrovertierten ganz oft ganz wahnsinnige Vorteile haben.

Die meisten Introvertierten können sehr gut zuhören. Unser „innerer Akku“ schwindet ja nicht ohne Grund, sondern weil wir sehr konzentriert und fokussiert andere Menschen wahrnehmen. Wir können uns in andere oft deutlich besser hineinversetzen, sind sensibler und entgegenkommend. Und jetzt stellen wir uns einmal die Fotograf-Model-Situation vor.
Es ist doch absolut von Vorteil, wenn man ein feines Gespür für den anderen entwickeln kann. Wer gut zuhört, muss nicht permanent reden und Schweigen muss nicht immer unangenehm sein. Ich kann mit dem Model nicht eine Stunde lang Smalltalk führen – na und? Wer behauptet denn, dass Models das wollen?

Einfach mal die Klappe halten

Noch einen Schritt weiter: Wer behauptet denn, dass alle Models extrovertiert sind und bespaßt werden wollen? Ich habe auch schon mit sehr ruhigen, in sich gekehrten Menschen zusammengearbeitet und wenn die nur halb so wie ich getickt haben, dann fänden die eine extrovertierte Laberbacker, die auch noch permanent während des Shootings auf sie einredet eher anstrengend.

Ich befürchte, ich bin nicht die einzige Introvertierte, die sich selber oft viel weniger zutraut, als sie kann. Denn ja, ich muss mich nach einer gewissen Zeit zurückziehen und meine Ruhe haben. Hinzu kommt noch die Hochsensibilität, die laute, hektische oder von vielen Reizen begleitende Umgebungen anstrengend macht. Aber das heißt nicht dass ich etwas GAR NICHT kann. Ich kann mich eine Zeit lang sehr intensiv auf etwas konzentrieren und brauche erst danach Ruhe. Das wird oft vergessen weil es natürlich so wirkt, als würde der Introvertierte auf der Strecke bleiben wenn er um 22 Uhr von der Party nach Hause geht, während der Extrovertierte dann erst so richtig aufdreht. Dabei ist der Extrovertierte vielleicht zunächst auf gerade einmal 30 oder 40%, während der Introvertierte schon vom Startpunkt an bei 100% ist und dann erst langsam nachlässt. Im Prinzip gleichen sich die Stärken und Schwächen aus – es gibt kein „besser“ und „schlechter“, sondern viel mehr sich schneidende Kurven.

introvertiert nachteil

Benachteiligung am Arsch

Introvertierte müssen endlich aufhören sich selber als benachteiligt anzusehen. Sind wir nicht. Ich bin introvertiert und hochsensibel und habe trotzdem schon so viel mitgemacht, was auf den ersten Blick unmöglich scheint. Ich habe bei den Videodays in Köln vor 80.000 Menschen auf einer Bühne getanzt, habe Vorträge gehalten, bin alleine viele tausend Kilometer entfernt in den Urlaub gefahren und… ach ja, das mit dem Fotografieren klappt auch. 😉
Daher:

Alle introvertierten Leser da draußen: erzählt doch mal, was ihr schon cooles gemacht habt, was man euch vielleicht nicht zugetraut hat.

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3 thoughts on “Introvertiert sein – ein Nachteil im Leben?

  1. Nathalie

    Hallo Sarah,

    ein toller Beitrag! Und ich kann da nur zustimmen.
    Wir lernen leider über die Jahre, dass man laut sein sollte um was zu erreichen und das verinnerlichen wir so stark, dass wir an gar nichts mehr glauben, was in uns steckt.
    Während ich die Zeilen hier schreibe, wird mir ergänzend dazu auch noch klar: Natürlich vergleichen wir uns mit Extrovertierten. Weil die so laut sind, hören wir ja gar nicht die leisen Stimmen, die sich nicht laut präsentieren, sondern nur im Verborgenen entfalten, wie sollen wir denn da Beispiele und Vorbilder finden, wie es anders gehen könnte. Wir sind dann lange auf uns selbst gestellt und „glauben“ irgendwann die Meinungen der Extrovertierten.
    Dabei haben beide Menschentypen ihre Vor- und Nachteile. Extrovertierte kriegen halt alles schneller und oft auch mehr. Aber will man das immer? Introvertierte legen langfristige Sachen an, vorsichtig, nachdenklich, aber sehr gut vorbereitet. So auch die Beziehungen. Klar gehen wir nicht auf jeden Menschen zu und quatschen jeden an, aber das wollen wir ja auch nicht wirklich.
    Wir wollen ernsthafte Beziehungen, langanhaltende, tiefgründige, vertrauensvolle und die baut man nicht im 5-Minuten Small Talk auf.
    Ich habe auch lange nicht an mich geglaubt, weil ich mich nicht verstanden habe, doch jetzt tue ich es und setze alles daran mein naturell auszuleben. Und es tut wahnsinnig gut, wie viele Introvertierte sich im Internet langsam öffnen und zeigen und das sollte noch viel weiter gehen! Alle sollten ihre Talente zeigen und zeigen was sie geschafft haben, denn wir können auch ALLES erreichen was wir wollen, wir müssen nur wollen und es machen.

    Ich stehe als Sängerin regelmäßig auf der Bühne, stand auch schon vor knapp 10.000 Leuten auf einem Sommerfest. Und ich liebe es! Ja ich mag die Ansagen nicht so gerne, aber das Singen ist meine Leidenschaft und dafür würde ich jede Angst, jedes Lampenfieber und jede Nervosität in Kauf nehmen. Ich hab sogar mal auf einem politischen Event direkt vor Politikern in der 1. Reihe gesungen, alle Augen auf mich gerichtet und ich habs gerockt.

    Ich hab mir nahestehenden Menschen Grenzen gesetzt und somit auf meine Bedürfnisse gehört und damit auch jetzt langfristig die Beziehung gerettet. Ja ich führe langanhaltende, feste Beziehungen, die von Ehrlichkeit und Liebe geprägt sind.

    Ich hab schon eine Musicalgruppe gegründet und bei einigen Probenterminen Regie geführt.
    Ich stand mit einem Musicalkurs auf der Bühne.

    Ich hab auch schon diverse Male in Firmen meine Meinung gesagt, was alles schlecht läuft, ohne Angst, dass ich dadurch meinen Job verliere.

    Meine Ausbildung und jeden Job hab ich mir selbst gesucht und so gut wie jedes Vorstellungsgespräch erfolgreich gemeistert.

    Ich möchte damit auch sagen, dass jeder ALLES schaffen und ALLES lernen kann, was er nur will! Man muss es nur wollen, sich entscheiden und es dann auch machen! Das ist alles, das kann jeder Extro- und jeder Introvertierte.

    Die Begrenzung unserer selbst findet nur in unseren Köpfen statt!

    Zeigt euch, denn ihr seid alle gut wie ihr seid!
    Man kann immer lernen und sich verbessern, aber seine Natur sollte man nie verleugnen.

    Lebe deine Natur, alles andere macht dich unglücklich!
    Liebe Grüße Nathalie

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  2. Karen

    Toller Artikel!
    Introvertiertheit braucht einfach mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.

    Ich versuche immoment verstärkt in meinem näheren Umfeld darauf aufmerksam zu machen
    was für Situationen mir in Gesellschaft unangenehm sind. Manchmal gehe ich von Feiern ohne mich zu Verabschieden. Ich will einfach niemanden unterbrechen beim Reden oder so oder unnötig in den Fokus geraten. Oder grundsätzlich mag ich es nicht so in ein Gespräch einfach reinzugretschen und mit zu reden, da bin ich das ein oder andere mal einfach aufgestanden und kommentarlos gegangen.

    Hat natürlich etwas für Irritation gesorgt und jetzt versuche ich darüber zu reden damit die anderen mich besser verstehen.

    Zu deiner Frage: Ich habe schon sehr viele Dinge gemacht, die mir wahrscheinlich keiner zutrauen würde. Ich habe vor Publikum in der Kneipe gesungen,schreibe auch eigene Songs und bin alleine auf Feiern Leute kennen gelernt. Ich arbeite nebenher mit Kindern und denen muss man seine volle Aufmerksamkeit schenken und viel mit ihnen reden. Ja und da muss man auch laut werden und sich durchsetzen, da sagt selbst meine beste Freundin das sie sich das nicht vorstellen kann. Ich trete eben sonst ruhig auf, da denken auch viele ich sei schüchtern und hätte keine eigene Meinung aber wenn mich Leute länger kennen sind sie irritiert das ich das alles mache.

    Instabile Beziehungen habe ich wohl nur geführt weil ich meine Veranlagung nicht akzeptieren wollte und mich auf die falschen Leute eingelassen habe,das wird sich aber jetzt ändern. 🙂

    LG

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  3. Selbstbewusstsein lernen - Selbst-Bewusst ist das Zauberwort

    […] bin einfach so genervt und ausgebrannt wenn ich lange Zeit mit Menschen verbringe, weil ich introvertiert und zudem noch hochsensibel bin. Okay, ist dann eben so. Wenn man Hintergründe versteht, dann muss […]

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